BertelsmannStiftung November 2025 (Studie):
Berufliche Weiterbildung hat eine wichtige und zunehmend kritische Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschlands. Viele Unternehmen können die Fachkräfte nicht mehr nur aus der beruflichen Erstausbildung rekrutieren. Beschäftigte müssen wegen technologischer Entwicklung und Digitalisierung inzwischen mehr Kompetenzen erwerben (umfassende Lernprozesse für Einzelne, für Bereiche und für Branchen).
Das deutsche Weiterbildungssystem ist darauf nicht umfassend vorbereitet, die Kompetenzbedarfe des Arbeitsmarktes zu decken. Verschärft wird die Lage durch die demografische Entwicklung.
Aus diesen Gründen dient Weiterbildung nicht mehr nur dem bildungspolitischen Ziel des lebenslangen Lernens oder Arbeitslosigkeitbekämpfung, sondern der aktiven Sicherung der Demokratie und des Wohlstands. Weiterbildung ist kein nice-to-have mehr, sondern ein must-have.
4 Hürden auf dem Weg zur Weiterbildungsrepublik:
– Unternehmenskultur: bestimmt über Art und Umfang fast aller Weiterbildungsbarrieren
– Motivation – lässt Weiterbildung starten
– Information – hilft, aus einem Wunsch einen konkreten Weiterbildungsplan zu entwickeln
– Umsetzung – erfordert ausreichend Zeit und Geld
Bereits eine Hürde/Barriere kann eine Weiterbildung blockieren.
Ergebnisse der Studie (Auszug):
- Aktiv oder passiv – Formen der Weiterbildungsbeteiligung. Je nach Weiterbildungsaffinität dominieren versch. Barrieren. Je häufiger man selbst Weiterbildungen macht bzw. gemacht hat, umso häufiger werden weitere Weiterbildungen geplant. Unterscheidung zwischen
- Weiterbildungsaktive: planen in den nächsten 12 Monaten eine Weiterbildung (über 50,7%%)
- Weiterbildungsaffin sind die Personen, die in den letzten 12 Monaten eine Weiterbildung absolviert haben (77% der Aktiven)
- Weiterbildungsinteressiert: sind die Personen, die keine Weiterbildung in den letzten 12 Monaten absolviert haben
- Weiterbildungspassive: wer für die nächsten 12 Monate keine Weiterbildung plant (49,3%)
- Weiterbildungsaussteiger: wer keine Weiterbildung plant, aber in den letzten 12 Monaten eine gemacht hat (23% der Passiven)
- Weiterbildungsabstinente: die nie eine Weiterbildung gemacht haben
- demografische Informationen zu Weiterbildungsaktiven und -passiven:
- Aktive: 77% haben in den letzten 12 Monaten eine Weiterbildung gemacht, 39% sind hochqualifiziert, 52% haben (Fach-)Hochschulreife, 9% sind geringqualifiziert, 26% haben Hauptschule. Vollzeitangestellte 74%, 37% in Großunternehmen, 42% in einer Großstadt
- Passive: 52% Hauptschule, 25% Geringqualifizierte, 23% haben in den letzten 12 Monaten eine Weiterbildung gemacht. 65% in Vollzeit, 36% in Großunternehmen, 39% in einer Kleinstadt
- Weiterbildungsaktive: planen in den nächsten 12 Monaten eine Weiterbildung (über 50,7%%)
-
Top 10 der Weiterbildungsbarrieren:
- 28,7% kein höheres Gehalt zu erwarten
- 26,5% fehlender Überblick über Weiterbildungsangebote
- 26,4% fehlende Hinweise, welche Weiterbildungsangebote individuell passend sein können
- 25,8% keine besseren Aufstiegschancen zu erwarten
- 22,0% Kosten der Weiterbildung sind zu hoch
- 21,6% fehlende Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten
- 21,5% selbständiges stetiges Lernen auch ohne Weiterbildung
- 20,7% Weiterbildung wird im Betrieb eher als persönliche Angelegenheit gesehen
- 19,1% berufliche Aufgaben lassen keine Zeit zu
- 19,0% fehlende Informationen, welchen Mehrwert die Weiterbildung bietet
-
Motivation stärken: fehlende Anreize zählen zu den stärksten Barrieren
- Weiterbildungspassive beklagen fehlende externe Anreize, wie z. B. kein höheres Gehalt zu erwarten (30%), keine besseren Aufstiegschancen (26,8%), Weiterbildung erleichtert die Arbeit nicht (17,8%).
- Weiterbildungsaktiven fehlt es eher an Lernmotivation, wie z. B. Selbstaneignung von Wissen (15,1%), digitales Lernen liegt der Person nicht (12,3%), es fällt schwer Neues zu lernen (10,3%), keine Freude am Lernen (9,3%)
Das kann helfen:-
- –> Anerkennung von informellem Lernen kann motivieren, eine Weiterbildung zu machen und Kompetenzen sichtbar zu machen (z. B. www.meine-berufserfahrung.de, Selbsteinschätzung der Berufserfahrung)
- –> immaterielle Anreize setzen: Mehr Verantwortung, Flexibilität, Eigenständigkeit –> starke Jobmotivatoren
- –> Nutzen von Weiterbildung aufzeigen: Sinnhaftigkeit und Nutzen sind wichtige Motivationsfaktoren
- –> persönliche Umstände berücksichtigen, in der Weiterbildungsberatung, -planung und -durchführung, z. B. Alter, Familienstand/Familie, Gesundheit, negative Vorerfahrungen
-
-
Informationen bereitstellen:
3/4 der Weiterbildungsaktiven fühlen sich nicht hinreichend informiert – unübersichtliche und intransparente Weiterbildungslandschaft (Zertifikate, Akteure, Zugänge, Fördermöglichkeiten, …), z. B. 35% fehlt der Überblick über Weiterbildungsangebote; 34,1% fehlen Informationen, welche Angebote individuell passend sind; 28,7% fehlen Informationen zu Fördermöglichkeiten; 24,6% fehlen Informationen welcher Mehrwert Weiterbildung bietet; …
Das kann helfen:- –> (niedrigschwellige) Angebote der Weiterbildungsberatung besser vernetzen und bündeln.
- –> KI in der Weiterbildungsberatung nutzen und etablieren
- –> mehr niedrigschwellige Weiterbildungsmentor*innen etablieren
-
Umsetzung erleichtern:
Weiterbildung scheitert oft an hohen Kosten und fehlender Zeit: 22% verzichtet auf Weiterbildung wegen zu hoher Kosten und 19,1% fehlt die Zeit und 18,3% haben zu viele berufliche Aufgaben. Für Aktive stellt Geld/Zeit eine höhere Barriere als für Passive.
Weiterbildungseinsteiger*innen: 28,4% sind die Kosten zu hoch; 18,1% Arbeitgeber übernimmt nicht alle Kosten; 18,4% keine Freistellung vom Arbeitgeber; 18,8% Staat übernimmt nicht alle Kosten; 14,6% Wege zur Weiterbildung sind zu weit; 9,9% keine Kinderbetreuung verfügbar
Weiterbildungs Aussteiger*innen: 21,4% sind die Kosten zu hoch; 24,2% lassen berufliche Aufgaben keine Zeit; 23,2% lassen private Verpflichtungen keine Zeit; 18,8% sind keine geeigneten Angebote verfügbar;
- 64,3% der Weiterbildungsabstinenten kennen das Recht auf Bildungsurlaub nicht; 41,87% der Weiterbildungseinsteiger*innen; 37% der Weiterbildungsaussteiger*innen; 27% der Weiterbildungsaffinen
helfen kann: - –> geförderte Bildungszeit bietet Chancen: Einführung Bildungs(teil-)zeit, berufsbezogenen Bildungsurlaub stärker fördern, bundeseinheitlicher Berufsbildungsscheck
- 64,3% der Weiterbildungsabstinenten kennen das Recht auf Bildungsurlaub nicht; 41,87% der Weiterbildungseinsteiger*innen; 37% der Weiterbildungsaussteiger*innen; 27% der Weiterbildungsaffinen
-
Weiterbildungskultur etablieren:
Unternehmen sollten Weiterbildung wertschätzen, strategisch planen und aktiv unterstützen und in die strategische und betriebliche Personalplanung verankern und proaktiv anbieten (zielgruppenspezifisch und bedarfsorientiert). Das Unternehmen stellt die notwendigen Ressourcen bereit. Im Unternehmen herrscht eine lernbereite und offene Atmosphäre bzgl. Lebenslangen Lernens, Weiterbildung, Wissensaustausch etc.
–> negative Altersbilder und Altersstereotype bremsen Weiterbildung: Weiterbildung hat für Ältere keinen oder nur einen geringen Nutzen.
Grundlage dieser Studie: repräsentative Befragung von 2.641 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (25-64 Jahre). Zunächst wurde nach Weiterbildungserfahrungen gefragt, dann nach Weiterbildungsplänen und dann nach Weiterbildungshürden.
Quelle: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/was-beschaeftigte-von-weiterbildung-abhaelt-1#detail-content-9313-4/ (PDF verfügbar und geöffnet am 03.12.2025).
